Ich fühle mich ausgegrenzt

Veröffentlicht am 12. Juni 2019 von Pascal Dupré

Schon länger überlege ich diese Zeilen zu schreiben, doch immer wieder schob ich die Idee beiseite. Mir geht dieses ständige Gejammer über alles mögliche ziemlich auf die Nerven. Also warum sollte gerade ich jetzt einen Artikel schreiben, in dem ich mich beklage wie schlimm dran ich bin? Doch gerade sitze ich in meinem Sessel und fühle mich schlecht und ausgegrenzt.

Während ich diese Zeilen schreibe, spielt nur wenige Meter weiter meine Lieblingsband Rammstein. Ich bin nicht dabei. Warum? Weil ich beim Verkauf der Karten einen Umweg gehen MUSSTE(!)

Foto von Pascal und einer Rammstein-Flagge im Hintergrund

Anmerkung: Mir ist bewusst, dass beim Ticket-Verkauf für die Tour viele Probleme hatten und viele sich durch den Eventim-Exklusivverkauf verarscht und hintergangen fühlen. Ich möchte hier allerdings auf etwas anderes hinaus.

Am 8. November 2018 10:00 Uhr startete der Vorverkauf für die Rammstein-Tour im Jahr 2019. Im Vorfeld erkundigte ich mich, ob es Infos zu Rollstuhlfahrer-Tickets gibt. Schnell wurde ich fündig: Auf der Eventim-Seite stand, dass für schwerbehinderte Personen eine extra Hotline eingerichtet wurde die ab 10:00 Uhr erreichbar ist. Ich bin es gewöhnt, dass ich Tickets nicht direkt online wie normale Menschen kaufen darf. Von daher notierte ich mir die Nummer und gab sie an meinen besten Freund weiter. Irgendwie dachte ich, wenn es schon eine extra Hotline für Schwerbehinderte gibt, dann wird das schon werden. Doch zu früh gefreut.

Punkt zehn Uhr riefen wir mit vier Telefonen an. Besetzt. … besetzt … besetzt. Sechs Stunden (SECHS STUNDEN!) haben wir versucht anzurufen. Es war immer besetzt. Mit Anbruch der siebten Stunde kamen wir endlich durch. Natürlich waren alle Karten weg. Die sehr freundliche Dame am Telefon erklärte das für Wien noch Karten da sind. Wir erklärten das Verreisen für mich nicht mehr wirklich möglich ist und wenn die Band in der eigenen Stadt spielt, warum dann verreisen. Natürlich kann die Dame am Telefon am wenigsten dafür und macht auch nur ihren Job. Trotzdem fragten wir, warum es eine EXTRA HOTLINE gibt, wenn diese dann den ganzen Tag besetzt ist und am Ende des Tages keine Tickets mehr da? Sie erklärte uns, dass viele diese Nummer genutzt haben, auch Nicht-Behinderte. ACH?! Ja natürlich. Ist ja auch logisch. Dachte ich mir auch. Nun wendete sich die Dame aber und versuchte uns die Vorteile einer Reise nach Wien oder St. Petersburg schön zu reden. Wieder erklärten wir, dass es nicht geht. Doch dann reagierte sie nicht mehr wirklich freundlich, was uns auch das Telefonat beenden lies.

Rammstein begleitet mich seit etwa 1997, über 20 Jahre. Einige Texte verstand ich erst später 😉 andere bringen mir heute noch Gänsehaut. Wieder andere lassen mich einfach mal vergessen, die Schmerzen, die schlechten Gedanken, die Krankheit. Einfach abschalten. Ob es später noch mal eine Chance geben wird Rammstein live zu erleben weiß ich nicht.

Doch es geht hier gar nicht so um Rammstein, sondern allgemein. Als normaler Mensch suchst du dir dein Konzert und machst zwei, drei Klicks und am nächsten Tag hast deine Karte. Ich als Rollstuhlfahrer muss entweder bei Eventim anrufen (gegen Gebühren natürlich) sehr lange in einer Warteschleife hängen und dann noch breit erklären, dass ich eine Rollstuhlfahrer-Karte plus Karte für eine Begleitperson brauche, was je nach Mitarbeiter unterschiedlich lange dauert. Natürlich kann ich auch an einen Kartenschalter um die Ecke. Hier ist der Eingang nicht rollstuhlgerecht, aber das stellen wir mal nach hinten an. Entweder ich werde dumm angemacht „Behindertenausweis?“ oder warte eine Stunde bis der Veranstalter eine Rolli-Karte freigibt. Ja, das ist wirklich passiert und mehrmals. Es betrifft nicht nur Konzerte. Kino, Theater oder andere kulturelle Angebote. Eben mal schnell spontan online buchen? Nein! Ich darf immer den langen Weg gehen.

Mit folgenden Worten möchte ich diesen Text beenden:
Weder ich noch andere Rollstuhlfahrer/Schwerbehinderte haben sich diese Situation ausgesucht. Also warum wird man hier so ausgeschlossen? Warum wird einem verwehrt unkompliziert am öffentlichen Leben teilzunehmen?

Ich fühle mich ausgegrenzt!

6 Antworten zu “Ich fühle mich ausgegrenzt”

  1. Stefan sagt:

    Hallo Pascal, auch wenn es kein großer Trost für Dich ist, aber ganz so einfach – „Als normaler Mensch suchst du dir dein Konzert und machst zwei, drei Klicks und am nächsten Tag hast deine Karte.“ – ist/war es bei Rammstein auch nicht. Wir (mehrere Leute) haben es ganz massiv versucht im VVK eine Karte zu bekommen, wir haben genau keine bekommen 🙁 Hilft Dir jetzt nicht wirklich, aber es war mir einfach wichtig, da mal was zu sagen. Ich vermute, da sind im Raum Dresden tausende oder zehntausende Fans leer ausgegangen. Also Du bist nicht allein, ob nun im Rollstuhl oder nicht. Alles Gute und beim nächsten Mal mehr Glück!

    • Hey Ho Stefan!
      Dankeschön für deinen Kommentar. Natürlich verstehe ich deinen Unmut. Allerdings glaube ich das du den Text nicht genau gelesen hast und auch nicht wirklich verstanden hast.

      Anmerkung: Mir ist bewusst, dass beim Ticket-Verkauf für die Tour viele Probleme hatten und viele sich durch den Eventim-Exklusivverkauf verarscht und hintergangen fühlen. Ich möchte hier allerdings auf etwas anderes hinaus.

      Mir geht es darum wie anderen behinderten und mir bereits im Vorfeld Stolpersteine in den Weg gestellt werden. Egal welche Veranstaltung.
      Die Rammstein Geschichte brachte für mich jetzt nur das Fass zum Überlaufen und ich wollte darüber schreiben.

      Grüße

      • Stefan sagt:

        Wie soll Eventim aus Deiner Sicht den Vorverkauf für Behinderte gestalten? Online stelle ich es mir schwierig vor, weil es ja ganz unterschiedliche Konstellationen gibt, da halte ich ein Telefonat für sinnvoller. Wenn die Hotline exklusiv für Behinderte gedacht war, dann ist es nicht ok, wenn auf diesem Weg auch Nicht-Behinderte Karten bekommen haben. Andererseits ist es für Eventim auch schwierig, da überhaupt nur die Anrufe von Nicht-Behinderten zu verhindern. Interessant zu wissen wäre auch, wieviele Karten von den 25.000 an Behinderte verkauft wurden. Letztlich kann man ja nur da wirklich erkennen, ob der Vorverkauf da gegenüber Behinderten ungerecht war oder nicht. Ich vermute jetzt einfach mal, dass man ein vorher festgelegtes Kontingent verkauft hat, was ja am Ende bei Nicht-Behinderten auch der Fall ist. Und wie ich schon geschrieben haben, auch wir haben es viele Stunden lang versucht und am Ende keine Karte bekommen.

  2. Kerstin sagt:

    Hallo Pascal,

    danke für Deinen Blog, es ist immer gut, für Umstände sensibilisiert zu werden, mit denen man in der Regel nichts zu tun hat.
    Wobei ich indirekt schon etwas mitbekomme, da ich in der Eingliederungshilfe arbeite.
    Ja, alles ist irgendwie mühsamer, deshalb verstehe ich Deinen Frust.
    Zu Eventim: wenn ein Konzert nicht so begehrt ist, ist die Vorgehensweise kein Problem, ein Nutzer war z.B. aktuell bei KISS in Berlin, aber wenn ein Konzert begehrt ist wie das von Rammstein, sollte es eine andere Vorgehensweise geben. Die Rollstuhlplätze sind begrenzt, deshalb sollten die Bestellungen gesammelt werden. Hier sollte nicht die Devise „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ sein. Bei zu vielen Anmeldungen müsste dann verlost werden. Dann haben wenigstens alle die gleichen Chancen. Dieses Prinzip gibt es übrigens zum Teil beim Ticketverkauf für die Elbphilharmonie.

    Alles Gute und liebe Grüße
    Kerstin

  3. Gast sagt:

    Schlimmer ist dir wird gesagt es ist für Rollifahrer ausverkauft und dann gibt es an der Abend Kasse plötzlich noch Karten oder man erfährt das noch Plätze unbesetzt waren.

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