Das Fremdwort Inklusion

Veröffentlicht am 24. Oktober 2019 von Pascal Dupré

Nun ist es schon wieder soweit. Mein inneres Wasserglas ist voll und läuft über. In den letzten Wochen häuften sich die Ereignisse, bei denen ich mich ausgegrenzt oder unfair behandelt gefühlt habe. Daher folgen hier ein paar Beispiele die man eventuell so gar nicht mitbekommt.

In·klu·si·on /Inklusión/ Substantiv, feminin [die] Der Begriff Inklusion kommt ursprünglich aus dem Lateinischen. Das Verb bedeutet includere einlassen und einschließen, das Sustantiv inclusio bedeutet Einschließung und Einbeziehung.

Miteinander statt gegeneinander. Zusammen statt allein. Alle gemeinsam ohne Ausgrenzung.

Nun wollte ich eine sehr gute Freundin überraschen und mit ihr zu einem Konzert gehen. Filmmusik von Hans Zimmer und John Williams, präsentiert von Steven Gätjen. Feine Sache, warum nicht? Wer mich kennt und meine Artikel schon länger verfolgt, der weiß, online Tickets bestellen ist nicht. Da kann man keine Rollstuhlplätze wählen.

Also hin zum Veranstaltungsort. Die Türen gehen automatisch auf und ich komme ohne Probleme rein. Fein! An der Kasse angekommen fällt mir auf, dass diese sehr hoch ist. Die Dame hinter dem Tresen konnte ich kaum sehen. Sie mich wahrscheinlich auch nicht. Der digitale Saalplan mit Platzwahl war für mich so auch nicht einsehbar. Hier hätte ich aufstehen müssen. Theoretisch könnte ich es, andere Rollstuhlfahrer können das wohl eher nicht. So musste Mama für mich das Sprechen übernehmen. Die Dame tippte, machte und tat. Dann griff sie zum Hörer und fing an zu telefonieren. Ich fragte mich, was das jetzt wird. Ich möchte doch nur Karten für die Veranstaltung. Aufgelegt, rumgetippt. „Die Freischaltung dauert jetzt 15-30 Minuten. Ob noch was frei ist kann ich nicht einsehen. Aber müsste eigentlich. Ist nicht ausverkauft!“ (Gedächtnis Protokoll). Ookaay … MOMENT ! Anscheinend muss ein Rollstuhlplatz freigeschaltet werden. 15-30 Minuten? Was für ein aufwendiger Prozess steckt da denn dahinter? Wird es eventuell an der „Freischaltstelle“ zelebriert? So richtig mit Countdown, Champagner und Partyhütchen? Weswegen dauert es so lange?! Das frage ich mich. Warum sind die Plätze für Rollstuhlfahrer nicht sofort verfügbar? Warum dauert eine Freischaltung so lange. Knopfdruck und fertig. Ja! Anscheinend ja nicht. Also weg und Zeit vertreiben. Oh wie schön ist Panama.

Halbe Stunde später sind wir wieder da. Die Dame ist mittlerweile ein Herr der zum Glück Bescheid weiß. Nun können Rollstuhlplätze gewählt werden. Er zeigt sie Mama. Ich seh ja nichts, wir erinnern uns. „Hier stände dann der Rollstuhl und die Begleitperson säße hier davor!“ (Gedächtnis Protokoll). Moment. Die Begleitperson, die mit kommen muss für den Fall, dass mit mir was ist, sitzt vor mir?! Angenommen ich möchte etwas Trinken oder hab ernsthaft Probleme. Dann bin ich auf mich alleine gestellt. Sich vorher unterhalten, während einem schönen Lied Blicke austauschen oder ein kurzer Knuff in den Arm fallen so auch weg. Da kann ich auch alleine hingehen. Ach nee, kann ich nicht. Ich bin ja auf eine Begleitperson angewiesen. Theoretisch könnte ich noch unzählige Beispiele aufzählen, warum es ungünstig ist, wenn die Begleitperson nicht direkt beim Behinderten ist, aber das können sich die meisten sicher denken. Es gibt zwei Plätze wo man nebeneinander sitzt. Die waren natürlich schon weg. Selbstverständlich waren sie weg.

Was bleibt mir? A: Auf Kultur zu verzichten B: Künftig weit weit im Voraus Karten kaufen ohne zu wissen, wie dann mein Gesundheitszustand ist oder wir überhaupt können. Hauptsache einen der geeigneten Plätze. Der Herr verstand nicht wirklich, was das Problem ist. Er kann auch am wenigsten dafür. Trotzdem schade, wenn man mit einem Blick gewürdigt wird der so viel sagt wie „Hä? Was ist dein Problem?!“

Übrigens auch ein Grund, warum ich nicht mehr ins Stadion gehe. Hier muss die Begleitperson auch vor dem Rollstuhlfahrer sitzen. So weit vor dem Rollstuhlfahrer, dass ich nicht mal auf mich aufmerksam machen könnte. Die Sache mit dem Stadion geht eigentlich noch viel weiter. Da ich aus verschiedenen Gründen aber den ortsansässigen Fußball-Club nicht mehr unterstützen möchte, ist mir das mittlerweile egal. Trotzdem doof für andere.

Auf dem Rückweg wollten wir spontan ins Kino gehen. Auch hier weiß der Stammleser, dass ich hier in Dresden nur in ein Kino gehen kann. Andere sind gar nicht barrierefrei oder ich müsste direkt vor der Leinwand sitzen. Überraschung: Die Türen gehen nicht mehr automatisch auf. Wahrscheinlich werden die nie wieder automatisch aufgehen. Also schön reingequält, aufgeregt, festgestellt das nichts kommt und rausgequält. Yeah! Das waren ein paar Beispiele die nur an einem Tag passierten.

Letztens musste ich nach Erfurt und Leipzig. Ich reise ja bevorzugt mit der Bahn. Trotz aller Steine die mir in den Weg gelegt werden. So schrieb ich schon einmal. Fahrkarten mit wenig Klicks per App kaufen, geht für mich als Rollstuhlfahrer nicht. Ich muss ins Reisezentrum der DB im nächsten Bahnhof, eine Wartezeit aufmichnehmen und gefühlt meinen ganzen Haushalt offen legen, damit mir in die Bahn geholfen wird.
Pluspunkt hier: Sehr freundliche Mitarbeiter. Der Tresen ist verstellbar und ich kann größtenteils alles alleine regeln. Im RE zahle ich nichts. Im ICE/IC muss ich zahlen und die Begleitung ist frei. Bei den Preisen der Deutschen Bahn wundert es mich übrigens nicht, warum die Leute lieber fliegen oder mit ihrem SUV über die Autobahn brettern. Andere Geschichte.

1. Klasse darf ich nicht fahren. Also ich darf schon, nur hilft mir dann niemand beim Einstieg. Um so länger ich drüber nachdenke, um so weniger erklärt sich mir das? Warum darf ich als Rollstuhlfahrer nicht in die erste Klasse? Bzw. warum wird mir nicht geholfen da rein zu kommen? Das ergibt auf vielen Ebenen keinen Sinn. Selbst wenn es in der ersten Klasse keine Plätze für Rollstühle geben sollte. Auch das wäre eine Art Diskriminierung/Ausgrenzung.

Um Einstieg-Hilfe zu bekommen muss ich jede Menge Daten angeben. Unter anderem meine Telefonnummer. „Keine Angst. Nur für den Fall wenn was ist!“ (Gedächtnis Protokoll) ich erhielt über 10 SMS und wurde mehrfach angerufen. Lass ich mal so stehen. Man soll bitte 20 Minuten vor Abfahrt da sein und überhaupt und sowieso.

Auf Grund privater Umstände waren es nicht ganz 20 Minuten, aber alles im Rahmen. Am verabredeten Punkt war niemand. Noch kurz gewartet und dann mal nachgefragt. Die Dame telefonierte und fand heraus das Hilfe schon am Gleis ist. Okay. War so aber nicht besprochen. Über fünf Minuten mit nichts verschenkt.

Uns kam ein abgehetzter Herr in gelber Warnweste entgegen und schickte uns zum Gleis. Kurze Randnotiz. Noch 10 Minuten bis Abfahrt. Oben angekommen erklärte man uns, dass der Wagen mit unseren Plätzen heute ganz vorne ist. Joa, kann ich nichts für. Also schnellen Schrittes vor gelaufen … gerollt. Ach ihr wisst schon. Auf halber Strecke kam uns eine Zugbegleiterin entgegen und begrüßte uns mit einem „Können se eventuell schneller renn?!“ gefolgt von einem „Hat sie Angst?“. Spontan klappte mir der Mund runter. Erst scheucht die Dame uns über den Bahnsteig und bezeichnet mich dann noch als Sie? … passiert in letzter Zeit viel zu oft. Brauche dringend ein Vollbart… und wovor sollte ich Angst haben? Vor Verspätungen der Deutschen Bahn?
nach dem wie uns noch anhören mussten, dass wir zu spät, sind saßen wir dann doch endlich im Zug. 5 Minuten vor Abfahrt. FÜNF. MINUTEN! Aber wir waren zu spät.

Später wurde übrigens noch im Bordrestaurant über uns gelästert. Was mich zutiefst erschüttert hat. Ich hab mir nicht ausgesucht im Rollstuhl zu sitzen. Ich nutze den Mobi-Service nicht, weil ich Spaß daran habe mit einem lustigen Hublift wo jeder mich anglotzt eingeladen zu werden. Nein, ich muss den nutzen. Weil ich sonst gar nicht dieses Reisemittel nutzen könnte. FunFact: Auf dem Rückweg waren wir extra extra extra sehr viel eher da. Die Dame meinte „Ach, reicht doch kurz vor Abfahrt“. Die Helfer waren auch deutlich entspannter. Scheint also ein Dresden-Problem zu sein.

Eventuell denkt der eine oder andere jetzt, ich soll mich doch nicht so über Kleinigkeiten aufregen oder in jeder Suppe ein Haar suchen oder oder oder. Aber nein, das ist mehr als nur einfaches Mimimimimi. Für mich als Rollstuhlfahrer/Behinderter sind das ernsthafte Probleme. Momente in denen ich mich ausgegrenzt fühle, fast schon unerwünscht.

Mit Inklusion hat das alles nichts zu tun. Hier wird gegeneinander und nicht miteinander gearbeitet. Jeder ist sich selbst der Nächste. Öffnet man den Mund wird man komisch angeguckt anstatt gemeinsam entspannt eine Lösung zu finden. Gemeinsam drüber nachzudenken was man ändern könnte. Nein, dann wird man eher dumm angemacht. Empathie und Verständnis gibt’s selten.

Die Liste ist lang, das waren nur mal ein paar extreme Beispiele. Weil ich sauer bin! So viel auch zum Thema – als Behinderter wird einem doch alles in den Arsch geschoben. So ist es eben nicht. Oft muss man gucken wo man bleibt. Meines Empfindens sind wir von Inklusion so weit entfernt wie vom Leben auf dem Mars.

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Ich Danke Euch fürs Lesen,
Euer Pascal

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